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Die Jungfrau im Rabenhof
Einst stand nördlich von St. Veit am Vogau eine grosse
Wasserburg, die Rabenhof genannt wurde. Sie lag zwischen zwei Teichen, die
aufgelassen und in fruchtbares Ackerland umgewandelt wurden. Zuletzt war die
Wasserburg im Besitz der Brunnseer, die die Anlage dem Verfall preisgaben.
Lange Zeit stand das alte, unbewohnte Schloss noch da. Des
öfteren wollten die Leute aus der Umgebung von St. Veit am Vogau an einem
Fenster eine liebliche Frauengestalt gesehen haben, die im Sonnenschein ihr
goldblondes Haar kämmte. Sie war eine verzauberte Prinzessin, die dazu
verurteilt worden war, die grossen Schätze in den Kellergewölben zu bewachen.
Ein Halterbub weidete einst auf den umliegenden Wiesen seine Schafe. Er
sah die liebliche Frau, die ihm freundlich zuwinkte. Da der Bursche
unerschrocken war, kamen die beiden bald ins Gespräch. Eines Tages sagte die
Jungfrau zum Hirten: "Komm zu mir! Geh mit mir in den Keller! Dort unten stehen
grosse Bottiche, die übervoll mit Gold und Edelsteinen gefüllt sind. Du kannst
dir deine Taschen mit Schätzen füllen, darfst aber nichts verlieren. Auch vor
den beiden Hunden, die die Fässer bewachen, brauchst du keine Angst zu haben!
Noch eines merk dir gut: Drehe dich niemals um, sonst ist alles verloren!"
Wenig später standen die beiden schon im Kellergewölbe. Alles war so, wie die
Jungfrau es vorhergesagt hatte. Da griff der Hirte in den Bottich und füllte
seine Taschen. Da hörte er ein Knarren. Der Bursche drehte sich um. Da krachte
es fürchterlich. Zwei unheimlich grosse Gestalten standen vor der Jungfrau und
blitzeschnell stiessen sie lange Messer in ihre Brust. Die Jungfrau stürzte tot
zu Boden. Vor Angst und Grausen liess der Bursche alles fallen und lief ins
Freie.
Jahre später suchte er als erwachsener Mann nach dem Kellereingang. Konnte
diesen aber nimmermehr finden. So liegen noch heute in den unterirdischen
Gewölben die grossen Schätze.
| © Peter Stelzl |
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